Dipl.-Ing. Günther Diefenthal VDI

von der IHK zu Aachen öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Kraftfahrzeugschäden und -bewertung

Grüner Weg 103
D-52070 Aachen
Tel.: 0241/158015
Fax: 0241/158000

Das sogenannte Prognoserisiko

Erhebliche Unruhe in Kfz-Reparaturbetrieben verursachte in den letzten Monaten die Diskussion um das sogenannte Prognoserisiko. Zutreffend wurde in der Literatur darauf hingewiesen, dass das sogenannte Prognoserisiko nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall grundsätzlich der Schädiger zu tragen hat. Ermittelt bspw. ein Kfz-Sachverständiger Reparaturkosten in Höhe von DM 10.000,00 und stellt sich erst bei Reparaturdurchführung heraus, dass die tatsächlichen Reparaturkosten deutlich oberhalb von DM 10.000,00 muss der Schädiger ( Haftpflichtversicherer) die höheren Reparaturkosten gleichwohl ausgleichen. Nach der herrschenden Meinung soll der Geschädigte nicht dadurch benachteiligt werden, dass der eingetretene Schaden nicht vollständig ermittelt wurde.

Diese Regelung ist nicht zuletzt dann besonders wichtig, falls man sich bspw. im Bereich der 130%-Grenze bewegt oder auch immer dann, wenn die tatsächlich angefallenen Reparaturkosten deutlich über den gutachterlich ermittelten Kosten liegen. Dieses Prognoserisikos zulasten des Schädigers geriet vor allen Dingen deshalb in die öffentliche Diskussion, weil viele Versicherer im Rahmen der sogenannten Schadenmanagementdiskussion die Notwendigkeit der Hinzuziehung eines Kfz-Sachverständigen immer heftiger bestreiten.  

Die Kfz-Reparaturbetriebe werden immer häufiger aufgefordert, für den geschädigten Autofahrer lediglich einen Kostenvoranschlag zu erstellen und damit nach Möglichkeit den Geschädigten davon abzubringen, einen Sachverständigen seines Vertrauens zu beauftragen.

Viele Kfz-Reparaturbetriebe bedenken nicht, dass ein Kostenvoranschlag, auch wenn er lediglich als Reparaturkostenkalkulation "getarnt" ist, eine rechtlich gänzlich andere Bedeutung hat, als das Gutachten eines unabhängigen Sachverständigen. Nicht nur, dass der Beweischarakter eines Kostenvoranschlages deutlich geringer ist als das Gutachten, von besonderer Bedeutung ist auch, dass der Kostenvoranschlag in der Regel die verbindliche Erklärung des Kfz-Reparaturbetriebes gegenüber seinem Kunden, den eingetretenen Schaden zu dem Preis zu beheben, der in dem Kostenvoranschlag ausgewiesen ist.

Nach den Reparaturbedingungen des ZdK werden regelmäßig verbindliche Kostenvoranschläge erstellt, bei denen überhaupt keine Überschreitung möglich ist. Aber selbst bei den unverbindlichen Kostenvoranschlägen ist höchstens eine Überschreitung der geschätzten Reparaturkosten um 10% zulässig.

Demnach muss der Kunde gegenüber dem Reparaturbetrieb nur das bezahlen, was in dem verbindlichen Kostenvoranschlag vereinbart wurde. Die hinter dem Unfallverursacher stehende Haftpflichtversicherung muss jedoch dem Geschädigten nur das erstatten, was der Geschädigte seinem Kfz-Reparaturbetrieb zahlen muss. Aufgrund des Charakters des Kostenvoranschlages trägt demnach das sogenannte Prognoserisiko nun nicht mehr der Schädiger, sondern, ohne dass eine entsprechende Gegenleistung erfolgt, trägt nunmehr das Prognoserisiko der Kfz-Reparaturbetrieb.

Auf diese Problematik weisen die Versicherer regelmäßig die Kfz-Reparaturbetriebe nicht hin. Vielmehr wird versprochen, die Schadenabwicklung mit Hilfe digitaler Techniken und mit Hilfe des elektronisch übersandten Kostenvoranschlages der Werkstatt deutlich beschleunigen zu können. Dies ist jedoch Unsinn. Grundlage der Abwicklung des Unfallschadens ist in erster Linie die Schadenmeldung des Unfallverursachers bei seiner eigenen Versicherung. Diese Schadenmeldung kann nicht beschleunigt werden durch die Erstellung eines elektronischen Kostenvoranschlages der Werkstatt im Haftpflichtschadenfall. Auch umfangreiche Gutachten werden heute regelmäßig noch am Tag des Unfalles oder spätestens einen Tag später erstellt und auf Wunsch des Geschädigten dem Versicherer vorgelegt. Wenige Stunden Zeitersparnis bei einem Kostenvoranschlag können schlechterdings nicht zu einer Beschleunigung bei der Schadenabwicklung führen. Die Absicht, die hier verfolgt wird, ist eine andere: Durch Ausschaltung des Kfz-Sachverständigen wird das Prognoserisiko auf den Kfz-Reparaturbetrieb abgewälzt. Die Kosten der Schadenfeststellung soll der Kfz-Reparaturbetrieb aus eigener Tasche zahlen. Wertminderungsansprüche werden dann ausschließlich durch den gegnerischen Haftpflichtversicherer festgesetzt, die Restwertermittlung erfolgt dann ebenfalls alleine durch den regulierungspflichtigen Versicherer letztlich zulasten des Kfz-Reparaturbetriebes. Nach Möglichkeit sollen UPE-Aufschläge nicht berechnet werden, Verbringungskosten entfallen. All dies stellt im Ergebnis nichts anderes dar, wie den unmittelbaren und massiven Angriff auf die Höhe des Stundenverrechnungssatzes.

Man sollte sich auch nicht von großzügigen sogenannten Reparaturfreigaben täuschen lassen, die sich letztlich zu Lasten des Kfz-Reparaturbetriebes auswirken müssen.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefahr, gegen das Rechtsberatungsgesetz - durch allzu enge Zusammenarbeit mit dem gegnerischen Versicherer - zu verstoßen. Derzeit stellt man eine Welle von Abmahnungen von Kfz-Reparaturbetrieben fest, die sich an Schadenmanagementaktionen beteiligen. Gerade in diesem Bereich ist größte Vorsicht angeraten. Auf der sicheren Seite fährt man dann, wenn der Geschädigte einen Sachverständigen seines Vertrauens beauftragt und sich der Kfz-Reparaturbetrieb in erster Linie darauf beschränkt, den Schaden zur Zufriedenheit des Kunden zu beheben.

Allen Angriffen sollten sich die Kfz-Reparaturbetriebe im eigenen Interesse und natürlich im Interesse ihrer Kunden widersetzen. Häufig haben es schließlich die Kfz-Reparaturbetriebe in der Hand, dem geschädigten Autofahrer klar zu machen, dass er das Recht hat, einen unabhängigen Sachverständigen seines Vertrauens mit der Schadenfeststellung zu beauftragen. Da der Geschädigte aber Herr des Verfahrens ist, kann es dem Kfz-Reparaturbetrieb nicht zum Nachteil gereichen, wenn der geschädigte Autofahrer von seinem Recht, einen Sachverständigen hinzuziehen, Gebrauch macht. Gleiches gilt natürlich auch für die Hinzuziehung eines Rechtsanwaltes.

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