Dipl.-Ing. Günther Diefenthal VDI

von der IHK zu Aachen öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Kraftfahrzeugschäden und -bewertung

Grüner Weg 103
D-52070 Aachen
Tel.: 0241/158015
Fax: 0241/158000

Schadenmanagement - Wort des Jahres 1999

(Maßnahmenkataloge von ZDK, Mercedes, VW und Ford sorgen für Verwirrung)

In den letzten Monaten werden die KFZ-Reparaturbetriebe zunehmend mit sogenannten Maßnahmenkatalogen zur Verringerungen der Aufwendungen für Unfallschadenaufwendungen konfrontiert. Man gewinnt den Eindruck, daß sich einige Hersteller- und Händlerverbände versprechen, daß durch Verträge mit der Versicherungswirtschaft künftig die Auslastung in den Kfz-Reparaturbetrieben ansteigen wird. Ohne daß ein sachlicher Grund erkennbar wäre, erfüllt man Wünsche der Versicherer,die bereits seit langem immer wieder geäußert wurden. Kfz-Reparaturbetriebe sollen sich nun verpflichten, bspw. auf "aktive Sachverständigenvermittlung" zu verzichten. Die sogenannten Regiekosten wie z.B. Verbringungskosten, UPE-Aufschläge, Fahrzeugreinigung, Hol- und Bringdienst nicht mehr gesondert zu berechnen und Reparaturkalkulationen kostenfrei zu erstellen. Gleichzeitig soll sich der Kfz-Reparaturbetrieb verpflichten, die Schadenabwicklung direkt mit der gegnerischen Versicherung zu betreiben, insbesondere den Schaden zu melden und die Höhe der Reparaturkosten mit der Versicherung abzustimmen.

Die einzige aus unserer Sicht erkennbare Gegenleistung des Versicherers soll darin liegen, daß dieser sich - im übrigen nicht nachprüfbar - verpflichtet, den Mercedes-/Ford-/VW-Fahrer, der sich bei der Versicherung meldet, an einen Mercedes-/Ford-/VW-Betrieb zu verweisen. Diese Maßnahmenkataloge werden sowohl für Kasko-, wie auch Haftpflichtschäden vorgeschlagen.

Aufgrund des Druckes, den die Hersteller ausüben können, werden viele Kfz-Reparaturbetriebe derartige Maßnahmenkataloge unterschreiben. Jedem Betrieb sollte aber bewußt sein, daß nach Auffassung vieler Fachleute die direkte Abwicklung des Unfallschadens mit der regulierungspflichtigen Versicherungen einen Verstoß gegen das Rechtsberatungsgesetz, das kostspielige Abmahnungen zur Folge haben kann, darstellt. Zudem ist gerade im Haftpflichtschadenfall nicht einzusehen, warum der Kfz-Reparaturbetrieb dazu beitragen soll, daß seinem Kunden Beweismittel vorenthalten werden, bzw. warum der Kfz-Reparaturbetrieb die Kosten der Schadenfeststellung aus eigener Tasche zahlen soll. Möglicherweise liegt der Grund für diesen Wunsch der Versicherer auch darin begründet, daß KFZ-Reparaturbetriebe bei der Rechnungsstellung häufig Schadenpositionen nicht berücksichtigen, die eigentlich hätten berücksichtigt werden können. Sehr naheliegend ist auch, daß mit Hilfe dieser Maßnahmenkataloge letztlich Einfluß auf die Höhe des Stundenverrechnungssatzes genommen werden soll. Auch das Versprechen der Versicherer, nun "aktive Schadensteuerung" zu Gunsten der KFz-Reparaturbetriebe zu betreiben, ist sehr kritisch zu beleuchten. Wenn am Ende mit allen Kfz-Herstellern und darüber hinaus noch mit dem freien Kfz-Reparaturbetrieben Regelungen getroffen werden, kann es eine erfolgreiche, dem einzelnen Betrieb helfende Schadensteuerung wohl nicht mehr geben. Am Ende haben nicht Einzelne mehr, sondern alle weniger, was bei den ohnehin geringen Renditen doppelt tragisch ist. Auch das Argument der Versicherer, künftig schneller bezahlen zu wollen, ist nichts anderes als eine vom Gesetzgeber vorgegebene Selbstverständlichkeit. In allen Maßnahmenkatalogen steht im übrigen die Zusicherung der schnellen Zahlung unter dem Vorbehalt, daß die Schuldfrage eindeutig ist. Dies setzt aber regelmäßig voraus, daß der eigene Versicherungsnehmer zum Schadenhergang Stellung genommen hat und keinerlei Fragen zum Unfallhergang mehr offen sind. Nicht unterschätzt werden darf auch, daß bei einer direkten Abwicklung mit dem gegnerischen Versicherer der Kfz-Reparaturbetrieb kaum noch eine Chance haben dürfte, Restwerte mit Gewinn zu erwerben bzw. sicherzustellen, daß sein Kunde auch die ihm zustehende Wertminderung erhält, da im Kostenvoranschlag die Wertminderung nicht ausgewiesen werden darf. Am Ende fehlt die Wertminderung dann dem Kfz-Reparaturbetrieb, da der Kunde Geld, das er nicht erhält, auch nicht ausgeben kann. Der Hinweis des Versicherers, daß man selbstverständlich die Wertminderung auf Wunsch des Geschädigten zahlen werde, macht eher deutlich, daß Wertminderung - wenn überhaupt - nur dann gezahlt werden soll, wenn der Kunde diese ausdrücklich verlangt. Ob er jedoch dann den Betrag erhält, den er erhalten würde, wenn ein Sachverständiger zur Wertminderung Stellung genommen hätte, bleibt fraglich.

Neben dem Risiko der Abmahnung und dem Risiko möglicher Umsatzverluste wird dem Kfz-Reparaturbetrieb auch noch das sogenannte Prognoserisiko aufgebürdet. d. h. das Risiko, daß die Reparatur nachher kostspieliger wird, als im verbindlichen Kostenvoranschlag ausgewiesen. Nach derzeitigem Erkenntnisstand haben sich auch die Automobilclubs deutlich von derartigen Schadenmanagementsystemen distanziert. Der eigentliche Kunde dieses Betriebes verliert sehr schnell das Vertrauen in "seinen" Kfz-Reparaturbetrieb, weil er befürchten muß, daß es sich nur noch um den Vertrauensbetrieb der gegnerischen Versicherung handelt.
 

Allen Maßnahmenkatalogen zum Trotz sind die Kfz-Reparaturbetriebe gut beraten, wenn sie die Wünsche des Geschädigten in den Mittelpunkt stellen und im Zweifel auch dazu beitragen, daß der geschädigte Autofahrer in die Lage versetzt wird, einen Anwalt und einen Kfz-Sachverständigen seines Vertrauens hinzuzuziehen, damit er auch in Zukunft in seinen Vertrauensbetrieb kommt.

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