Dipl.-Ing. Günther Diefenthal VDI

von der IHK zu Aachen öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Kraftfahrzeugschäden und -bewertung

Grüner Weg 103
D-52070 Aachen
Tel.: 0241/158015
Fax: 0241/158000

Bagatellschadenproblematik

Die durchschnittliche Schadenhöhe in einem Haftpflichtschaden beträgt bezüglich des Sachschadens ca. 2.000,00 €. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass die Diskussion um den so genannten Bagatellschaden zumindest in den letzten Jahren insbesondere von einigen Versicherern mit erstaunlicher Härte geführt wird. Die Bagatellschadengrenze, also die Grenze, bis zu der ein unabhängiger Kfz-Sachverständiger auf Kosten des regulierungspflichtigen Haftpflichtversicherers durch den Geschädigten zwar beauftragt werden darf, aber nicht durch den gegnerischen Versicherer zu bezahlen ist, wurde durch die Rechtsprechung nie ausschließlich an einer festen Schadengrenze festgemacht, sondern vielmehr ist entscheidend, ob es aus Sicht des Geschädigten ohne Weiteres erkennbar ist, dass vorliegend ein sehr einfach gelagerter Schaden, nämlich ein Bagatellschaden, vorliegt. Indiz für das Vorliegen eines Bagatellschadens sind allerdings Reparaturkosten, die unterhalb einer Schadenhöhe von ca. 750,00 € liegen.

Wie schwierig im Einzelfall jedoch die Definition und die Erkennbarkeit eines Bagatellschadens ist, wird eindrucksvoll deutlich durch viele Beispielfälle, die Kfz-Sachverständige täglich erleben. In keinem der Fälle hätte ein kraftfahrzeugtechnischer Laie erkennen können, dass es sich bei dem eingetretenen Schaden nicht um einen Bagatellschaden handelt.

Auf diese Argumentation wird durch Versicherer regelmäßig erwidert, dass derartige Konstellationen nur in seltenen Ausnahmefällen zum Tragen kommen. Allerdings darf schon bezweifelt werden, ob es sich tatsächlich nur um eine verschwindend geringe Anzahl von entsprechenden Fällen handelt, da nicht zuletzt aufgrund des Druckes, den Versicherer gegenüber Geschädigten ausüben, der Geschädigte den Gang zum Sachverständigen meidet.

Zudem hilft eine statistische Betrachtung hier nicht weiter. Es gehört eben nicht zu den Risiken eines geschädigten Autofahrers, aus statistischen Gründen die Gefahr in Kauf nehmen zu müssen, mangels fachkundiger sachverständiger Begutachtung Schadenersatzansprüche nicht durchsetzen zu können.

Vielfach wird auch der Verdacht geäußert, der häufige Hinweis des Sachverständigen auf die Notwendigkeit der Begutachtung auch von so genannten kleineren Schäden, sei nicht mehr als  Schadenfeststellung im Interesse der Solidargemeinschaft der Versicherten so gering wie möglich zu halten, wird gerade im Bereich der kleineren Schäden, durch die meisten Sachverständigen heute ein so genanntes Kurzgutachten zu verringerten Preisen angeboten.

Wenn es nun dennoch abgelehnt wird, die Sachverständigenkosten zu übernehmen, müssen offensichtlich andere Gründe hierfür vermutet werden.

Dem Geschädigten ist das Risiko nicht bekannt, dem er sich aussetzt, wenn er mit einem Fahrzeug mit verdeckten Schäden umherfährt. Vielfach geht es nicht nur um die Gesamthöhe des Schadenersatzanspruches, sondern betroffen sein kann auch die Verkehrssicherheit und die Unfallsicherheit des Fahrzeuges im Falle eines erneuten Schadens.

Äußerst problematisch sind auch die Fälle, in denen das Fahrzeug zu einem späteren Zeitpunkt verkauft wird, und der Verkäufer wegen des vermeintlichen offensichtlichen Bagatellschadens auf das Unfallereignis hinweist. Stellt nun der Käufer des Fahrzeuges im Nachhinein fest, dass bereits ein nicht unerheblicher Unfallschaden vorlag, ist die Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen die zwingende Folge.

Vielfach werden in derartigen Schadenkonstellationen die Kfz-Reparaturbetriebe „missbraucht“ durch die Aufforderung, lediglich einen Kostenvoranschlag zu erstellen. Abgesehen davon, dass dieser Kostenvoranschlag regelmäßig kostenfrei erstellt wird, ist auch das weitere Risiko des Kfz-Reparaturbetriebes nicht zu unterschätzen. Stellt sich bei der Reparaturdurchführung heraus, dass die Reparaturkosten höher liegen als im Kostenvoranschlag ausgewiesen, geht das so genannte Prognoserisiko nun nicht mehr zu Lasten des Schädigers, sondern muss durch die Kfz-Reparaturbetriebe getragen werden. Gerade die vorgenannten Beispiele zeigen, wie erheblich dieses so genannte Prognoserisiko sein kann.

Aufgrund der Risiken, die sich auf aufgrund der modernen Fahrzeugkonstruktion ergeben, ist auch der Kfz-Sachverständige selbst gut beraten, auch dem scheinbar einfachsten Schaden gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Ohne Demontage von Anbauteilen können die Schadenbilder häufig nicht exakt definiert werden.

Selbstverständlich ist auch eine Konstellation denkbar, dass aufgrund eines stark verformten Blechteiles der Geschädigte davon ausgeht, dass ein erheblicher Schaden an seinem Fahrzeug eingetreten ist. Der Kfz-Sachverständige wird in diesen Fällen dokumentieren können, dass weitere Schäden nicht vorhanden sind und mit der Instandsetzung oder Erneuerung des betreffenden Teiles der Schaden für einen sehr geringen Betrag behoben werden kann. Diese Dokumentation ist für den Geschädigten vielfach erst die Grundlage seiner Entscheidungsfindung, welchen Weg der Regulierung des Unfallschadens er wählt.

Durch die falsch interpretierten Begriffe „Bagatellschaden“ oder „Reparaturfreigaben“ sollten sich weder Geschädigte, noch Anwälte, noch Kfz-Reparaturbetriebe und Versicherer davon abhalten lassen, im Zweifel einen Kfz-Sachverständigen für eine preiswerte Schadendokumentation hinzuzuziehen.

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